LAUF DER HÜHNER
11th December 2009
Tagesspiegel reviews Pictures Reframed at Radialsystem

Modest Mussorgskys „Baba Yaga“ mit irre laufenden Hühnern zu bebildern, beweist Humor und leises Wissen darüber, worum es eigentlich geht. Schließlich steht auch die Hütte der russischen Hexe, von der das Klavierstück mit Ausbrüchen, wilden Oktavritten und Quartsprüngen spricht, auf Hühnerfüßen. Der südafrikanische Künstler Robin Rhode nimmt die „Baba Yaga“ also ernst, aber nicht zu sehr, spiegelt die klare dreiteilige Form des geradezu gewalttätigen Stückes und lässt die Hühner trotzdem laufen, wie sie wollen. Dieses Beisammen von gewichtiger Klavierliteratur und frei assoziativ arbeitender Videokunst, von Instrumentalspiel und visueller Kurzweil mit Fahrrädern, Flugzeugen oder Kreidestrichen prägt den Experimentalabend „Pictures Reframed“ im Radialsystem. In Mittelpunkt steht Klaviermusik – Leif Ove Andsnes, brillant, biegsam im Ton und unmanieriert in der Art, ein Pianist alter Schule, aber lebendigen Zuschnitts, spielt Mussorgskys „Bilder einer Ausstellung“, dazu Schumanns „Kinderszenen“ und den ganz neuen Zyklus „Was wird“ von Thomas Larcher. Und Rhode projiziert dazu im stockdunklen Saal Bilder an die Wand. Die beiden scheuen sich nicht, die Zyklen intakt und lange Passagen unbebildert, andererseits alles hermeneutisch Hubernde, schon gar die Entstehungsgeschichten außen vor zu lassen. Wenn dann zu Mussorgskys „Großem Tor von Kiew“, von Andsnes mit wunderbar geerdetem Fortissimo gespielt, auf der Leinwand ein Flügel von Gischt und Wellen überspült wird, ist das ein monumentaler, nur sekundenbruchteilelang gefühliger Ausklang für einen inspirierenden Abend.

Christiane Tewinkel, Tagesspiegel, 11 December 2009

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