MUSSORGSKY ALS HIPPEN FILM-KLAVIER-HAPPENING
1st December 2009
Leif Ove Andsnes rahmt "Bilder einer Ausstellung"

Konzert ist nicht genug! Hunderttausende Zuhörer in Mitteleuropa tun zwar allabendlich nichts anderes als still da zu sitzen und Musikern zuzuhören. Eine schöne, preisenswerte Kultur-Leistung. Zu sehen gibt's dabei wenig. Ein Problem klassischer Konzertkultur heute: die optische Unterforderung.

Nie zuvor taten sich zwei namhafte Künstler zusammen, um zwischen klassischem Ohr und Auge ein Joint Venture zu stiften. Hinterm Steinway-Flügel für Mussorgskys Klavierzyklus "Bilder einer Ausstellung" flimmern neuerdings Kurzfilme mit Hühnerfedern und Kreidekreisen über pentagonisch angeordnete Leinwände. Die Zuschauer bei der europäischen Erstaufführung in Brüssel werden vom Kino-Trichter fast eingesaugt. Im Saal herrscht Finsternis. Das Gesamtkunstwerk aber gelingt. Wem das Film-Extra zum Konzert nicht passt - und das sind in Brüssel einige - der schließt die Augen. Wie sonst.

Höhepunkt der 15 Kurzfilme: die spektakuläre Versenkung eines Flügels in den Fluten eines Schiffsdocks im norwegischen Bergen. Zu Mussorgskys "Großem Tor von Kiew" schießen die Wassermassen über dem Instrument zusammen, bis das in grüner Plörre Ruhe gibt. Ein Bild von roher, elementarer Kraft. Plakativ und stark wie die dazu abschnurrende Musik. Dass der kesse Einfall für diese Kunst-Musik-Performance ausgerechnet dem stillen Pianisten Leif Ove Andsnes kam, entbehrt nicht einer gewissen Pikanterie. Klassik-Insidern gilt der 39-jährige Norweger als toppsolider, aber auch ein bisschen dickblütiger Pianist. Hinter Schumanns "Kinderszenen", die er im Konzert vorwegspielt, tritt er so sehr zurück, als wolle er überhaupt verschwinden. Er gibt zu: "Mir macht es nichts aus, wenn nicht alle Aufmerksamkeit mir gilt."

Bei der Suche nach einem adäquaten Kunst-Partner fiel seine Wahl auf den südafrikanischen Graffiti- und Streetart-Aktionskünstler Robin Rhode (33). Der in Berlin Prenzlauer-Berg wohnende Bewunderer von Marcel Duchamps und Basquiat wurde bereits vom Münchener Haus der Kunst und im Southbank Centre in London gewürdigt. Kam allerdings mit klassischer Musik kaum in Berührung. Als Hiphop-Fan amüsiert er sich darüber, dass seine Freunde bei den Kreidestücken auf dem "Marktplatz von Limoges" nicht an Klaviertasten denken, sondern an Kokain. Privat verschickt Rhode lieber Download-Kompilationen; was er sich bei seinem neuen Freund Leif Ove noch nicht traut.

Tatsächlich ist die Kombination überraschend neu. Von Marc Chagalls Bühnenbildern zur "Zauberflöte" (in New York 1965) bis Bill Violas Video-Installationen für Wagners "Tristan und Isolde" (Paris 2008) gab es immer wieder Versuche, der Idee eines Gesamtkunstwerks durch bildende Künstler auf die Sprünge zu helfen. Warum immer nur Opern, fragt man sich? Auch bei Mussorgskys "Pictures Reframed" (so des Titel des vom New Yorker Lincoln Center beauftragten Werkes) fragt man sich, warum man erst Bilder in der Musik als Ausrede und Anlass abgewartet hat. "Vorsicht, Klassik!" scheint selbst noch bei solchen Künstlern für Respekt und Zurückhaltung zu sorgen, die eigentlich nassforsch zu Werke gehen. Auf die Frage, warum überhaupt derartige Wege, bleibt Andsnes' Antwort diplomatisch: "Warum nicht?" Es gehe um "neue Formen". Schon klar. Radikal ausgereizt scheinen sie noch nicht. Immerhin öffnen Andsnes & Rhode mit "Pictures Reframed" ein Türchen zur möglichen, experimentierfreudigeren Konzertzukunft.

Termine: 1. Dezember Hamburg, 2. Dez. München, 9. Dez. Berlin

Kai Luehrs-Kaiser, Die Welt

http://www.welt.de/die-welt/kultur/article5387254/Mussorgsky-als-hippes-Film-Klavier-Happening.html


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