STARKES STÜCK
25th November 2009
Germany's Crescendo Magazine talks to Robin and Leif Ove

Der russische Komponist Modest Petrowitsch Mussorgsky (1839 - 1881) schrieb im Jahr 1874 das erste Programm-Musikstück “Bilder einer Ausstellung”. Die einzelnen Sätze des Stücks beschreiben Gemälde und Zeichnungen seines im Jahr zuvor gestorbenen Freundes Viktor Hartmann, die Mussorgski auf dessen Gedächtnisausstellung gesehen hatte. Der südafrikanische Streetart-Künstler Robin Rhode (33) und der norwegische Pianist Leif Ove Andsnes (39) haben nun auf Initiative des New Yorker Lincoln Centers das Stück neu interpretiert und die Musik zurück in die Moderne transformiert. Das multimediale Projekt erscheint Ende November als CD, DVD und Buch bei EMI und wird ab 1. Dezember in Deutschland live zu hören sowie zu sehen sein (www.picturesreframed.de). Wir trafen die beiden in den Nordischen Botschaften von Berlin.

crescendo: Wussten Sie zum Beginn Ihrer Zusammenarbeit eigentlich, dass sich Ihr gemeinsames Projekt um Mussorgskys “Bilder einer Ausstellung” drehen sollte?

Andsnes: Ich hatte die Komposition als Grundidee im Kopf. Ich wusste, dass es im Lincoln Center ein Programm gibt, das verschiedene Disziplinen kombiniert. Mussorgsky hatte ich bereits gespielt und fand dieses Stück so kraftvoll, körperlich und kontrastreich in seinen Klängen und Charakteren, dass es neben der Projektion von Bildender Kunst auf Großleinwänden bestehen kann.

crescendo: Schwebten Ihnen konkrete Bilder vor, als Sie mit dem Projekt begannen?

Rhode: Ich hatte das Stück ehrlich gesagt noch nie gehört. Ich war also ziemlich uninformiert (beide lachen).

crescendo: War das ein Vor- oder Nachteil?

Rhode: Ich denke, das war ein Vorteil. Denn so hatte ich keine vorgefassten Ideen, was daraus werden könnte. Anschließend konnte ich die Sache entwickeln und mich selbst schlau machen: zu Mussorgsky, dem Stück und vor allem Viktor Hartmann und dessen real existierenden Gemälden, die die “Bilder einer Ausstellung” inspiriert haben.

crescendo: Haben Sie eine Visualisierung nach der anderen entwickelt?

Rhode: Eigentlich schon. Aber ich habe mich nicht in der Reihenfolge festgelegt, weil ein Bild an anderer Stelle vielleicht noch besser wirken könnte. Manche meiner Szenen haben nämlich keinen direkten Bezug zum Stück. Für den “Marktplatz von Limoges” beispielsweise habe ich das Kreide-Klavier kreiert, das nur mit dem Instrument zu tun hat.

crescendo: Für Sie, Herr Rhode, war die Freiheit der Interpretation enorm. Für Sie, Herr Andsnes, gab es zumindest den Zwang, den vorgegebenen Noten zu folgen.

Andsnes: Das Besondere an diesem Projekt war für mich, dass unsere Zusammenarbeit dieses geniale Stück, das ich für eines der größten der Klassik halte, noch über sich hinaus wachsen lässt. Zum Beispiel ist aus dem Bild des polnischen Ochsenkarrens durch Robins Schwarz-Weiß-Filmsequenz noch viel mehr geworden.

Rhode: Ich muss jetzt wieder an die Musik denken. Ich mochte das Stück so sehr, weil es an den Rhythmus eines Zugs erinnert - erst langsam, dann schneller (macht das Anrollen lautmalerisch vor). Der Zug ist lang, der Klang mächtig - eine Art IMAX-Dimension. Aber als der Zug wieder aus dem Bahnhof fährt und sich entfernt, wird die Musik wieder leiser (ahmt die Szene erneut mit großen Gesten nach, woraufhin Andsnes kommentiert: “Sehen Sie, was ich meine?”) Die Aufnahmen des alten Bahnhofs hatte ich schon zwei, drei Jahre zuvor gemacht und dachte mir, dass sie zu “Bydlo” passen könnten.

crescendo: Hatten Sie, Herr Andsnes, Einfluss auf Robins Arbeit?

Andsnes: Es gab ziemlich viele Treffen, die mir zum Glück zeigten, dass er den Dialog und Reaktionen wollte. Ich habe seine Arbeit nicht direkt beeinflusst, aber sie begleitet.

Rhode: Mir war wichtig, dass mir Leif total vertraute, dass ich etwas schaffen würde, was zu seiner Musik passt und sie noch intensiviert.

crescendo: Auf Ihrer Tour werden Sie, Herr Andsnes, spielen, während Robins Bilder auf Großleinwänden zu sehen sind. Sie haben dafür den Ausdruck “mit den Augen hören” geprägt. Wie wird das Publikum mit dieser Kombination beider Sinneseindrücke zu Recht kommen?

Andsnes: Wir haben das mit einigen Szenen auf DVD ausgetestet. Zunächst war ich irritiert, weil nach dem letzten Ton niemand applaudiert hat. Aber nach drei Sekunden Stille, in denen Musik und Bilder wohl nachwirken mussten, gab es durchweg starke Reaktionen.

crescendo: Sie schienen das Projekt für ein Risiko zu halten. Warum?

Andsnes: Für das Publikum ist es ungewohnt, gleichzeitig zu schauen und zuzuhören. Es könnte sein, dass eine Sinneswahrnehmung die andere beeinträchtigt. Aber es gibt bestimmt Momente, in denen sich beides perfekt ergänzt und eine neue Ausdrucksweise schafft.

crescendo: Also Fortsetzung folgt?

Andsnes: Ich kann mir nicht vorstellen, genau das Gleiche noch mal zu machen, weil es zu einzigartig ist. Aber ich glaube, dass es die Art meiner Konzerte beeinflussen wird.

Rhode: Mit Musik zu arbeiten, inspiriert mich. Insofern ist die Zusammenarbeit mit klassischen Interpreten auch in Zukunft interessant. Ich bin aber alles andere als ein Spezialist für Klassik. Normalerweise mag ich mehr Hip Hop und vor allem Gangsta Rap.

“Pictures Reframed” ist als CD, DVD und Buch bei EMI erschienen. Das Multimedia-Musikereignis ist am 1. Dezember (Hamburg), 2. Dezember (München), 9. Dezember (Berlin, 2 Konzerte) und 20. Dezember (Köln) live zu erleben.http://www.crescendo.de/blog/starkes-stuck/3571


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