MODERNE ZEITEN IM KONZERTSAAL
22nd November 2009
Die Welt previews Pictures before the 5 German concerts

Mit Multimedia-Events und außergewöhnlichen Klanginstallationen wollen klassische Musiker in Hamburg dem Konzertbetrieb neue Impulse verleihen Die klassische Musik, heißt es, stecke in der Krise und müsse sich ein neues Publikum erschließen. Und so florieren derzeit Konzepte, die die alte Kunst auf moderne Weise präsentieren wollen. Durch innovative Konzertformen etwa versuchen Veranstalter und Künstler, jüngere Hörerschichten zu locken oder neue Erfahrungswelten zu eröffnen. In Hamburg werden in nächster Zeit eine Reihe von Multimedia-Events und Klanginstallation zu erleben sein, die die Grenzen des guten alten Konzerts sprengen.

Am spektakulärsten ist sicher das Projekt "Pictures Reframed" des norwegischen Pianisten Leif Ove Andsnes und des südafrikanischen Künstlers Robin Rhode. Beide präsentieren am 1. Dezember auf Kampnagel ihre Fassung von Modest Mussorgskys "Bilder einer Ausstellung". Anstelle der Gemälde von Viktor Hartmann, die Mussorgsky beim Komponieren vor Augen hatte, hat Rhode Videoprojektionen zur Musik entworfen. Diese werden flankiert von sechs Bildern, die zusätzlich rings um den Pianisten installiert sind.

Robin Rhode ist dafür bekannt, dass er Bild und Wirklichkeit, Aufzeichnung und Live-Act auf spielerische Art mischt. Er hat einen Kinderspaß zur Kunstform kultiviert, zum Beispiel mit einigen Kohlestrichen ein Klavier an eine Hauswand zu malen und dann so zu tun, als würde man darauf spielen. In "Pictures Reframed" mischen sich nun der live spielende Leif Ove Andsnes und Rhodes' bildnerische Reflexionen über Mussorgskys Musik oder Hartmanns Bildvorlagen. Während Andsnes etwa das pompöse "Große Tor von Kiew" in die Tasten haut, versinkt er im zugespielten Video zugleich in den Wassermassen eines gefluteten Trockendocks.

Für den Pianisten Andsnes ist "Pictures Reframed" erklärtermaßen der Versuch, in Zeiten, in denen die "klassische Musik ums Überleben kämpft", neue Aufführungsformen zu finden. "Natürlich braucht Musik keine Bilder", hat auch Andsnes seinen Kritikern zugestanden, "aber warum sollte man es nicht einmal auspro-bieren?" Und da seine Plattenfirma, ein Geld gebender Ölkonzern und das norwegische Fernsehen dies ähnlich sahen, geht das vergangene Woche im New Yorker Lincoln Center uraufgeführte Projekt nun von Paris über Moskau und Abu Dhabi bis Peking auf Tournee, publizistisch flankiert von einer TV-Doku, einer DVD-Deluxe-Edition samt Kunstband und einer Website.


Weniger aufwendig, aber ebenso kreativ sind die Multimedia-Konzerte und Installationen, die bis zum 27. November bei den Hamburger Klangwerktagen zu erleben sind. So erforscht der Italiener Andrea Cera in seiner Video-Raumklang-Installation "An Invisible Line" das Phänomen der Resonanz, und das per Computer global vernetzte European Bridges Ensemble experimentiert mit "der multimodalen Einbeziehung von Klang, Bild, Text, Sprache, Gestik und Tastsinn in die Mensch-Maschine-Interaktion".
Eröffnet werden die Klangwerktage heute mit der Raumklang-Komposition "Tropospheres" des Hamburger Komponisten Sascha Lino Lemke. Im Kampnagel-Foyer haben Studierende der Hafencity Universität dazu eine Installation aufgebaut, die laut Lemke an eine verlassene Wohnlandschaft erinnert. Die wird zum Auftakt einmal von echten Musikern belebt: Das Ensemble Resonanz spielt, aufgeteilt in kleinere Formationen, Lemkes Musik.

In den verbleibenden Tagen des Festivals wird dann nur noch eine Art entfernter Nachhall dieses Live-Ereignisses elektronisch zugespielt. Wer "Tropospheres" also ein zweites Mal besucht, kann dann buchstäblich unter Klang-Erinnerungen spazieren gehen.


http://www.welt.de/die-welt/vermischtes/hamburg/article5290574/Moderne-Zeiten-im-Konzertsaal.html

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